Institut für ökologische Chemie, Pflanzenanalytik und Vorratsschutz
Während des Anbaus sowie nach der Ernte (während der Lagerung und Verarbeitung) müssen lagerfähige pflanzliche Produkte wie Getreide und Hülsenfrüchte – zentrale Bestandteile der menschlichen und tierischen Ernährung – wirksam vor Verlusten geschützt werden. Insbesondere Insektenbefall gefährden Menge und Qualität der Vorräte. Weltweit werden Nachernteverluste bei Getreide auf 5–10 % geschätzt; in tropischen Regionen können sie durch Insektenbefall sogar 30–40 % erreichen. Der Schutz von Lagergütern ist daher ein zentraler Baustein der Ernährungssicherung.Steigende Temperaturen und häufigere Extremwetterereignisse in Folge des Klimawandels erhöhen das Risiko unsicherer Ernten und verstärken zugleich den Schädlingsdruck während Lagerung und Anbau. Wärmeliebende und invasive Arten könnten ihr Verbreitungsgebiet nach Norden (Deutschland) ausdehnen und zusätzliche Generationen pro Jahr entwickeln. Zudem begünstigen mildere Bedingungen die Etablierung von Freilandpopulationen, wodurch Getreidebestände bereits vor der Einlagerung befallen werden können – ein bislang in gemäßigten Breiten wenig berücksichtigter Eintragsweg in Lagerstätten. Vor dem Hintergrund klimabedingt schwankender Erträge gewinnt eine optimierte Vorratshaltung weiter an Bedeutung. Ziel ist es, sowohl die verfügbare Menge als auch die hygienische und ernährungsphysiologische Qualität der Grundnahrungsmittel langfristig zu sichern. Konventionelle Bekämpfungsmaßnahmen mit chemischen Pflanzenschutzmitteln werden jedoch aufgrund von Resistenzentwicklungen, regulatorischen Einschränkungen und Umweltbedenken von Gesellschaft und Politik zunehmend kritisch betrachtet. Daher ist die Entwicklung nachhaltiger, integrierter Strategien zum Schutz gelagerter trockener Agrarprodukte entscheidend, um Qualitätserhalt und Ernährungssicherheit gleichermaßen zu gewährleisten.In Deutschland und anderen mitteleuropäischen Ländern galten vorratsschädliche Insekten bislang nicht als relevante Feldschädlinge. Da ihr Auftreten überwiegend auf Getreidelager beschränkt war, fanden sie in Überwachungsprogrammen trotz gesetzlicher Vorgaben (§59 Pflanzenschutzgesetz) nur begrenzt Beachtung. Entsprechend fehlen belastbare Daten zu Vorkommen, Verbreitung und zu konkreten Getreideverlusten durch Schädlingsbefall. Diese Datenlücken erschweren die Entwicklung wirksamer Management- und Frühwarnstrategien. Aus diesem Grund sollte der Fokus im Sinne des integrierten Pflanzen-/Vorratsschutzes künftig stärker auf einer effektiven Früherkennung liegen – ergänzend zu optimierter Lagertechnik und umweltfreundlichen Bekämpfungsmaßnahmen. Ein frühzeitiges Monitoring bereits im Freiland während des Getreideanbaus ermöglicht es, Befall rechtzeitig zu erkennen und gezielt gegenzusteuern, bevor Schadorganismen sich ausbreiten und Lagerbestände gefährden. Entlang der gesamten Wertschöpfungskette sind daher präventive Strategien notwendig, um den Eintrag von vorratsschädlichen Insekten im Getreidelager zu minimieren. Modifizierte Fallensysteme und optimierte Lockstoffkombinationen bieten hierfür vielversprechende Ansätze. Durch frühzeitige, selektive Maßnahmen lassen sich Nachernteverluste reduzieren, der Einsatz chemischer Pflanzenschutzmittel verringern und damit Ernährungssicherheit sowie Umweltschutz nachhaltig stärken.Das vom Bundesministerium für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat (BMLEH) geförderte Projekt „AVoiD“ (Abwehr von Vorratsschädlingen in Deutschland) legte im Teilprojekt „Früherkennung“ die Grundlage für diesen Ansatz. Hierzu wurde ein dreijähriges, bundesweites Monitoring vorratsschädlicher Insekten in Getreidelagern und auf angrenzenden Feldern durchgeführt. Auf konventionellen und ökologischen Betrieben in sechs Bundesländern testete man verschiedene Fallensysteme mit Lockstoffen (u. a. Pheromonen). Die Ergebnisse zeigten eine hohe Artenvielfalt (11 Motten-, 25 Käferarten). Neben Funden in Lagern traten mehrere typische Lagerschädlinge – insbesondere der Getreidekapuziner (Rhyzopertha dominica) – in hoher Zahl im Freiland auf nahezu allen Standorten auf. Auch Kornkäfer (Sitophilus granarius) und Getreideplattkäfer (Oryzaephilus surinamensis) wurden lokal zahlreich im Freiland nachgewiesen. Besonders 2024 und 2025 nahm das Auftreten im Freiland deutlich zu. Diese Befunde deuten darauf hin, dass sich einige Vorratsschädlinge unter mitteleuropäischen Klimabedingungen bereits außerhalb von Lagern etablieren können. Da bislang nur eine deskriptive Datenauswertung erfolgte, fehlen jedoch belastbare Analysen zu Zusammenhängen mit Umweltfaktoren – ein zentraler Ansatzpunkt für weiterführende Forschung und praxisrelevante Empfehlungen.SpreadPest untersucht das Vorkommen, die Verbreitung und Umweltabhängigkeit vorratsschädlicher Insekten entlang der Getreidewertschöpfungskette in Deutschland. Im Fokus stehen zwei zentrale Fragestellungen: Welche Arten – neu auftretend oder etabliert – kommen in getreideproduzierenden, -lagernden und -verarbeitenden Betrieben im Innen- und Außenbereich vor, und in welcher Häufigkeit sowie Artenzusammensetzung? Welche klimatischen, geografischen und betriebsspezifischen Faktoren (z. B. Temperatur, Luftfeuchte, Lagerstruktur, Hygienemanagement, Bewirtschaftungsform) beeinflussen Auftreten, Schlupf- und Flugverhalten der Schädlinge? Die im Vorgängerprojekt „AVoiD“ etablierte Monitoring-Methodik wird in angepasstem Umfang fortgeführt und weiterentwickelt. An vier bis fünf repräsentativen Standorten in Deutschland werden kommerzielle Trichter- und Bodenfallen mit artspezifischen Pheromonen ausgestattet und sowohl in Lagern als auch am Feldrand eingesetzt. Die Fallen werden monatlich kontrolliert, Pheromone regelmäßig gewechselt und die Fänge morphologisch bestimmt sowie quantifiziert. Eine standardisierte Platzierung gewährleistet die Vergleichbarkeit mit früheren Datensätzen. Die Analyse der Artenzusammensetzung erfolgt mittels multivariater statistischer Verfahren. Betriebsspezifische Merkmale (z. B. Lagerstruktur, eingelagerte Kulturen, Hygienemaßnahmen, Bewirtschaftungsform) werden jährlich über standardisierte Fragebögen erfasst und als Kovariaten in die Auswertung integriert. Ergänzend werden kontinuierlich Temperatur- und Feuchtedaten per Datenlogger erhoben sowie Klimadaten des Deutschen Wetterdienstes einbezogen. GIS-Analysen berücksichtigen zudem geografische Lage, Landnutzung und phänologische Parameter der Standorte.Durch die Zusammenführung der Daten aus dem vorliegenden Projekt und AVoiD ergibt sich ein ausrichtend langer Beobachtungszeitraum, der die Analyse saisonaler Dynamiken und klimabedingter Trends erlaubt. Mithilfe generalisierter linearer gemischter Modelle (GLMM) werden maßgebliche Einflussfaktoren auf Schädlingsvorkommen und Flugaktivität identifiziert.
Bundesministerium für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat